Ústí Inside Out #Střekov

Fotos: Alena Drahokoupilova

Alena Drahokoupilova und Stefanie Busch: ein Spaziergang durch Ústí nad Labem-Střekov, eingeladen von Martina Johnová, Galerie Hraničář, 21. Juni 2019

Wir sind unterwegs in Ústí nad Labem: Alena Drahokoupilova, die hier vor einigen Jahren Kunst studierte und ich Stefanie Busch, Bildende Künstlerin aus Dresden, die hier schon etliche Aufenthalte genoss und sich in die Stadt und deren vielseitigen Gesichter verliebte.

Wir wohnen in Střekov im Theater „Činoherní studio“ für einige Tage. Von hier aus haben wir einen beeindruckenden Blick auf die Silos von Setuza. Mächtig stehen sie da. Schon immer. Seit den 1970er Jahren.

Sie sind das Gesicht von Usti-Střekov, Rapsöl sein Geruch, die Züge sein Soundtrack und weit der Blick. 

Unser Auftrag für das Festival Kultura: eine Intervention. Doch wo anfangen?Wir entscheiden uns für einen Spaziergang durchStřekov. Spazierengehen als künstlerische Praxis, Gehen als Möglichkeit der Erkundung.

Wir lassen uns treiben, lassen die Sinne den Weg entscheiden...und stoßen auf eine großartige Geschichte: die der Seifenfabrik Schicht. Nordböhmen war einmal hochindustrialisiert. Die Schicht-Werke galten in Europa als Marktführer im Bereich Drogerie und Lebensmittel.

Martin Krsek, Historiker am Stadtmuseum Usti hilft uns bei unserer Recherche, zeigt uns begeistert „seine“ Stadt, sein Viertel Strekov. Immer wieder staunen wir über die faszinierende Industriearchitektur, die Siedlungen und die Schwimmhalle für die Angestellten, die prächtigen Villen der Familie Schicht, das »Schwanen-S« mit Zahnrad, die Freundschaften zu Ford und Bat'a, eine von Schicht erbaute barocke Kirche, die kaum 100 Jahre alt ist, Obstsäfte statt Bier, die Schichts als Kunstmäzene.

Schicht überall. Auf den zweiten Blick.

Was fällt noch ins Auge: Wohnheime, Pflanzen unter dem Asphalt, Coyboys auf Wilden Pferden, Karl May, eine Holzbrücke über die riesigen Gleisanlagen, der Marienfelsen, der Steinbruch, die Burg Strekov, das Krematorium.

Und Leerstand, den wir nur schwer verschmerzen - in Dresden, wo wir leben und arbeiten werden Wohnraum und Atelierflächen knapp und teuer.

Michaela Spruzinova, Künstlerin in Usti ist Mit-Betreiberin der Galerie Deska in Strekov. Voll Elan bemüht sie sich um diesen Ort, um die Menschen rings herum, spinnt Netzwerke zwischen Theater, Späti, den anderen Kunstorten der Stadt.

Eine Ausstellungswand könnte kaum ungewöhnlicher sein: ein überbautes öffentliches Toilettenhaus mit einer großen Wölbung in der Mitte der Fassade. Die Überfahrt am Schreckenstein von Ludwig Richter interpretierte ich 2017 neu. Gemeinsam mit Samuel Tesfay und Filmon Fqadu, zwei Geflüchteten aus Eritrea und Asylsuchenden in Deutschland brachte ich eine große Arbeit an die Wand: die Fotografie zeigt eine Gegenlichtaufnahme durch eine Wasseroberfläche von unten . Die sehr markante Architektur der Ausstellungswand betonte die Dramatik des Bildes, da die Ausbeulung der Wand einen Schatten warf, der an die Form eines Bootes erinnerte.

Es ist soweit. Wir wollen loslaufen, unsere Neuigkeiten teilen. Wer kommt mit und wen interessiert das, was hier los ist, jenseits des Stadtzentrums?

Es kommen viele, ein ganzer Bus voll, nicht nur aus Dresden und Usti, auch Besucher*innen aus Rotterdam, New York, Reholivice, Litoměřice, Berlin... Wir sind sprachlos. Und hoch motiviert von so viel Interesse. Wir laufen, schauen, staunen, reden und kommen ins Gespräch. Berg hoch. Je höher wir steigen, desto besser die Luft. Und die Ausblicke...neue Sachlichkeit, Bauhaus, Internationaler Style..manchmal mutig und manchmal konservativ...und Plattenbauten soweit das Auge reicht.

Am Ende stehen wir auf dem Friedhof Strekov. Hier liegen die Schichts; die Gräber ungepflegt, da sich niemand mehr kümmert.

Anderen Gräbern geht es auch so...die der ehemaligen deutschen Bevölkerung.

Susan Donath, eine Dresdner Künstlerin hat eine tschechisch-deutsche Grabanlage instand gesetzt, d.h. die Grabplatte aufgearbeitet, die Anlage neu bepflanzt und pflegt die Grabstätte dauerhaft. Es ist heute eines der wenigen erhaltenen tschechisch-deutschen Gräber auf dem Gelände.

Ein O-Bus bringt uns in Tal: vorbei an den Wohlstand bringenden Fabriken und Fabrikruinen, durch die einst visionären Wohnviertel, über die Elbe, ins Stadtzentrum zu Hraničář.